Jugenddelinquenz - ein kriminologisches Interview
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Wollinger
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- hochgeladen 13. Mai 2026
Ein kriminologisches Interview mit Prof. Dr. Susann Prätor zum Thema Jugenddelinquenz.
Dieses Video ist lizensiert nach CC BY-NC-ND ( Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/legalcode.de )
Die Namensnennung bitte wie folgt: "Dr. Gina Rosa Wollinger / HSPV NRW, CC BY-NC-ND 4.0"
Speaker 1: Dr. Susanne Prätor ist Soziologin und Kriminologin. Während ihrer Tätigkeit am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen promovierte sie an der Universität Bremen und forschte insbesondere zur Jugendkriminalität, unter anderem im Rahmen der KFN Schülerinnenbefragung. Anschließend war sie viele Jahre im kriminalistischen Dienst des niedersächsischen Justizvollzug tätig. Heute ist sie Professorin für Sozialwissenschaften und Führung an der Polizeiakademie Niedersachsen. Jugendkriminalität ist ja oft ein Thema und man hört auch immer wieder von einzelnen Fällen, wo Jugendliche beteiligt sind. Wie schlimm ist es denn um die Jugend bestellt? Speaker 2: Also grundsätzlich muss man sagen, dass Kriminalität, abweichendes Verhalten, Gewalt im Jugendalter durchaus normal ist, auch wenn das erst mal nicht schön klingt. Aber wenn man Studien sich anschaut über einen längeren Zeitraum im Jugendalter, dann sieht man, der Großteil der Jugendlichen hat irgendwann irgendeine Form von Abweichenden oder sogar kriminellen Verhalten begangen. Es ist erst mal normal, weil es eine Lebensphase ist, in der Jugendliche sich austesten, Grenzen austesten, Grenzen überschreiten. Das ist bei vielen der einfache Ladendiebstahl, bei manchen auch eine Gewalttat, was weniger schön ist. Aber für den Großteil gilt Es ist normal, bestimmtes, abweichendes Verhalten zu zeigen. Und für einen eher kleinen Teil ist es tatsächlich so, dass es häufiger zu bestimmten Straftaten kommt oder auch zu schweren Gewalttaten. Das ist tatsächlich eine Gruppe, die die man sich genauer anschauen sollte, weil das natürlich ein Verhalten ist, was man vermeiden möchte und von dem man nicht möchte, dass sich das verfestigt auf lange Sicht. Speaker 1: Also gibt es einen Teil von Jugendkriminalität, der quasi nicht so normal ist, der vor allem durch wiederholte Taten oder sehr schwerwiegende Taten auffällt. Was sind denn die Ursachen dafür? Speaker 2: Ja, also der kleine Teil, um den vielleicht noch mal zu beziffern. Also man sagt immer, in der Regel sind so 5 % einer aller jugendlichen Straftäter für das Aufkommen der Straftaten insgesamt im Jugendalter verantwortlich. Also das zeigt sehr, sehr wenige. Wir begehen sehr, sehr viele Straftaten. Und da sind tatsächlich Probleme im Hintergrund, die man sich genauer anschauen sollte. Sehr häufig ist ein Risikofaktor oder eine Ursache dafür. Elterliches Verhalten. Die elterliche Erziehung insgesamt. Wissen Eltern, mit wem ich mich in meiner Freizeit wo aufhalte? Interessieren sie sich für mich? Wie sind meine schulischen Leistungen? Wie gut komme ich im Leben zurecht? Das ist ein zentraler Faktor, vor allen Dingen aber auch Gewalt im Elternhaus. Dann die Freundesgruppe mit Freunden. Mit welchen Freunden bin ich unterwegs? Zeigen die selber abweichendes Verhalten, ist es ein Stück weit normal, sich gewalttätig zu verhalten? Das sind Kombinationen, erklärt schon sehr, sehr viel von Jugendgewalt oder von schwerer Jugendgewalt und gehäufter Jugendgewalt in Kombination mit. Ich habe auch andere gesellschaftliche Bereiche, wo ich keine Anerkennung bekomme. Also ich bin auch schulisch beispielsweise eher abgehängt oder stehe da schlecht da, bin wenig integriert, habe wenig Freizeitaktivitäten, wenig Hobbys, wenig Tagesstruktur. Und wenn man viel Zeit quasi unstrukturiert irgendwo verbringt mit Menschen, die vielleicht auch eher Straftaten begehen und in Kombination mit Eltern, die sich nicht interessieren, dann ist das Risiko relativ groß, dass ich selbst zum Gewalttäter werde. Und das sind gehäufte Formen. Speaker 1: Wie kann man da jetzt präventiv ansetzen. Was gilt es zu tun, um Jugendgewalt zu senken? Speaker 2: Also vor allen Dingen an diesen Ursachenfaktoren sollte man ansetzen, um Jugendgewalt nachhaltig zu reduzieren. Deutschland ist da ja schon auf einem sehr guten Weg mit der Ächtung von elterlicher Gewalt, also Abschaffung des elterlichen Tüchtigungsrechts im Jahr 2000. Das hat eine sehr positive Entwicklung im Bereich von Gewaltverhalten oder häuslicher Gewalt hervorgebracht. Gleichzeitig sehen wir, es ist immer noch ein Thema. Also es ist nicht weg, auch wenn es deutlich reduziert wurde. Und ansonsten geht es auch darum, Jugendlichen Möglichkeiten zu bieten, Anerkennung zu bekommen. Also sei es in Form von Freizeitaktivitäten, von bestimmten Hobbys. Schulisch ein Auge drauf zu haben, dass Menschen integriert sind und nicht irgendwie ausgegrenzt werden. In der Regel ist das eine Folge davon, dass Anerkennung auf mehreren Ebenen fehlt. Und die sollte ich versuchen, Jugendlichen so gut es geht zurückzugeben oder eine Plattform dafür zu geben, was definitiv nicht so zielführend ist und wo es auch eine Reihe von Befunden dazu gibt, dass das früher ist, vielleicht auch noch hartes Bestrafen wirkungsvoll ist, um Jugendgewalt nachhaltig zu reduzieren. Es gibt ja immer wieder die Diskussion um Absenkung des Strafmündigkeit. Salters Was so eine Reaktion ist auf möglicherweise steigende Zahlen im Bereich der Jugendgewalt. Und da ist die Forschung sich sehr einig, dass das. Natürlich muss man intervenieren, aber nicht mit möglichst schweren oder harten Sanktionen, sondern eher mit milden Reaktionen darauf und nicht mit einer Absenkung der Strafmündigkeit. Aber die beste Prävention ist, an den Ursachen Faktoren anzusetzen. Okay. Speaker 1: Wie entwickelt sich denn Jugendkriminalität? Man hört ja schon öfter, dass es steigt und schlimmer wird. Wie kann man das aus ologischer Perspektive beurteilen? Speaker 2: Ja, es ist immer die Frage, welchen Zeitraum man sich da so anschaut und vor allen Dingen auch, welche Datenquelle man sich anschaut. Also man kann das Hellfeld schauen, was also polizeilich in Erscheinung tritt und Dunkelfeld Daten sich anschauen, wo man Jugendliche befragt. Hast du eine bestimmte Straftat in den letzten zwölf Monaten beispielsweise begangen? Wenn man ins Hellfeld schaut? Polizeiliche Kriminalstatistik ist auch die Frage Was ist der Zeitraum, den ich mir anschaue? Wenn wir über die letzten 20 Jahre beispielsweise und Jugendgewalt anschauen, dann sehen wir, dass es mehr oder weniger gleichbleibend, sogar leicht rückläufig. Wenn wir uns anschauen die letzten zehn Jahre, Dann gibt es tendenziell wieder Anstiege im Bereich von Jugendgewalt und zwischendrin gab es auch mal Phasen, wo es sehr stark zurückgegangen ist. Also 2007 2008 hatten wir einen Höhepunkt im Bereich von Jugendgewalt und bis ungefähr 2015 ist das sehr, sehr deutlich zurückgegangen, was vor allen Dingen auch damit zu erklären ist, dass diese Risikofaktoren durch Prävention vor allen Dingen sehr, sehr stark oder sehr positiv entwickelt haben und damit auch Jugendgewalt zurückgedrängt haben. Also von daher hängt es immer sehr vom Referenzzeitraum ab. Insgesamt sieht man aber über den über einen längeren Zeitraum, was auch sinnvoller ist, sich einen längeren Zeitraum anzuschauen, dass es keine dramatische Zunahme im Bereich von Jugendgewalt gibt. Speaker 1: Manchmal gibt es da ja auch die These, dass es zu keiner Zunahme gekommen ist, aber die Taten an sich schwerer werden, also die Jugendlichen brutaler werden. Speaker 2: Das ist eine vielfach zu hörende These, dass Jugend immer brutaler wird, dass man früher eher aufgehört hat, zuzuschlagen. Und heute wird noch zugetreten, wenn jemand bereits am Boden liegt. Das sieht und hört man viel, dass vor allen Dingen medial vermittelt. Das Bild lässt sich aber auf verschiedene Art und Weisen, wie man das versucht hat, in der Forschung zu überprüfen, lässt sich dieser Befund nicht bestätigen. Man kann in die PKS schauen, sich verschiedene Qualitäten von Straftaten anschauen. Man kann sich die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung anschauen, die Schulunfälle oder gewaltbedingte Vorfälle im Schulkontext dokumentiert. Auch da sieht man Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es beispielsweise heute häufiger zu Frakturen kommt als noch vor zehn Jahren. Und es gibt auch verschiedene weiterführende Studien zu diesem Thema, die auch Aktenanalysen durchgeführt haben. Also es gibt keine empirische Bestätigung für die Annahme, dass es zu einer Brutalisierung gekommen ist. Was nicht heißt, dass es nicht vereinzelt an bestimmten Orten, wo es vielleicht auch eine Häufung von bestimmten sozialen Problemen gibt, trotzdem der Fall sein kann. Insgesamt für Deutschland ist das aber definitiv nicht der Fall. Dass diese Brutalisierungssthese zutrifft und dass sie so hartnäckig sich hält, liegt vor allem daran, dass das, was medial berichtet wird, eben die Fälle sind, die besonders spektakulär sind, die besonders dramatisch sind und deswegen bei vielen Menschen der Eindruck entsteht, es sei zu einer Brutalisierung gekommen.
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